Ein Kammer für Webdesigner?
Wie jedermann weiß ist das Feld des Webdesigns noch ein sehr junges und es strömen hier Internetdienstleister aus allen möglichen Richtungen zusammen. Ich selber bin ja auch so ein Strömer und Quereinsteiger, aber gerade darum weiß ich, dass es für andere Berufsgruppen Verbände und Kammern gibt, die berufsrechtliche Regeln aufstellt und über deren Einhaltung wacht. Einerseits kann das ein Hemmschuh sein – klar, andererseits weiß ich jedoch aus meiner Zeit als Architektin die Arbeit einer Kammer zu schätzen. Hier gibt es Öffentlichkeitsarbeit, Versicherungs- und Weiterbildungsangebote, juristischen Beistand, Honorarordnungen und Altersversorgung. Und insbesondere sorgt die gemeinsame Öffentlichkeitsarbeit für eine breitere Akzeptanz und Transparenz des Aufgabengebietes. Ich stelle immer wieder fest, dass wenn jemand zu einem Maßschneider geht, es jedem klar ist, dass man für handwerkliche Qualitätsarbeit seine 1500,00€ (mind.) auf den Tisch legen muss. In einer Webseite für einen mittelgroßen Auftritt steckt aber mindestens genauso viel Arbeit, aber da Kunden sich oft nicht vorstellen können warum das überhaupt so viel Arbeit ist, wo man das doch mal eben mit Word auch machen kann, fehlt es hier an einer breiter angelegten Aufklärungsarbeit.
Und weil ich gerade in diesem Artikel über einen Bloggerverband auf dem neuen alten basic-thinking gelesen habe und mir meine Überlegung schon länger im Kopf herumgeistert, frage ich mich und in die Runde, ob das nicht auch für Webdesigner ganz generell sinnvoll wäre. Im Webdesign haben viele die Lizenz zum Erstellen von Webseiten. Ein Programmierer oder Webworker ist vergleichbar mit den Statikern, ohne die es auch beim Bau eines Hauses nicht geht. Und SEOs sind Fachleute wie Bauphysiker, der Architekt ist Designer und Facility Manager. Passt doch irgendwie recht gut.
Na – ich könnte dem auf jeden Fall mehr Positives als Negatives abgewinnen und mir vorstellen, dass solche Verbände oder Kammern viel dazu beitragen können das Ansehen der Webdesigner zu heben und damit breitere Vertrauensbasis schaffen können. Ich weiß halt nur nicht, ob das überhaupt gehen würde, denn Webdesign gehört nicht zu den freien Berufen. Warum eigentlich nicht?





Hallo du,
erstmal vielen Dank für deinen langen und interssanten Beitrag. Ich fand es spannend zu lesen und deine Einwände und Überlegungn zu überdenken.
Ich will niemanden von einer Kammer überzeugen, nur mal laut nachdenken. Klar ist, dass überall da wo Regeln aufgestellt werden, diese immer zwei Seiten haben: Sicherheit und die andere Seite Einschränkung. Aber auch wenn man den Dingen freien Lauf lässt, so meine ich, dass man nicht glauben muss, dass es dann keine Grenzen gibt.
Aber abgesehen davon: ich glaub man kann sowieso nicht einfach jeden Beruf verkammern. Es wäre wahrscheinlich sowieso die Frage, ob das für Webdesign überhaupt machbar wäre – einmal abgesehen davon, dass ich jetzt nicht sagen könnte wieviele Webdesigner es überhaupt gibt.
Gefühlte 20.000.000 ;-)
Im Unterschied zu Interessensverbänden sehe ich jedoch, dass eine Kammer übergeordneter ist und wesentlich mehr zur Stärkung beitragen könnte als ein Berufs- oder Interessensverband. Von letzeren kann es ziemlich schnell mehrere geben und letztendlich wird es vielleicht keiner davon so weit bringen, dass das Image und Ansehen des Berufes nachhaltig gestärkt werden würde. Passt einem was nicht, wird halt ein neuer Verband gegründet und noch einer und noch einer und noch einer.
Deswegen würde ich dann vielleicht doch lieber ein Einzelkämpfer mit Netzanschluss bleiben.
Die Sache mit der Honorarordnung ist sicherlich diskussionswürdig. Ich finde es zwar nicht so problematisch ein Honorar nach HOAI zu berechnen, aber interessant ist doch, dass es durchweg sehr viele Parallelen gibt und man die einzelnen Phasen der Erstellung einer Webseite durchaus mit den Leistungsphasen im Webdesign vergleichen kann. Dass es Zeitgenossen gibt, die im Rahmen einer Selbstbeschaffungsarbeitsmaßnhame übereifrig Leistungen erbringen und abrechnen, die nicht erforderlich gewesen wären, liegt aber meiner Ansicht nach an der Person, nicht am System. Schlussendlich geht Arbeistbeschaffung sicherlich auch ohne ein Honorarsystem und wenn man sich mal in diversen “Haifischbecken” umschaut (oder besser gesagt umliest) weiß ich nicht ob so manche als erfolgvesprechend angepriesene Akquisetaktik nicht weitaus übler ist. Als Gegenargument möchte ich anführen, dass eine Honorarordung und die Bestimmungen bezüglich Werbung auch ihr Gutes haben – man muss sich nicht anpreisen wie Sauerbier.
Und die Zertifikate. Es gibt Leute die geben nichts drum und sich sag mal: Ein Zertifikat ist nicht alles und es gibt Menschen, die allen Unkenrufen zum Trotz auch ohne Urkunden erfolgreich geworden sind. Keine Frage – aber ich hätte aber auch nichts dagegen mich nochmal – trotz des Alters – den Anforderungen zu stellen und es zu versuchen. Was spricht denn eigentlich dagegen?
Und um nochmal auf die Kammer zurückzukommen. Die Kammern der großen freien Berufe haben eine lange und alte Tradition bzw. die Berufe sind schon so alt. Und man muss das Alte ja nicht 1:1 nachmachen und hier explizit ein Diplom fordern. Ein entsprechender Nachweis oder Abeitsmappe oder Aufnahmeprüfung würde doch genügen. Mit etwas Kreativität und Staubwedel könnte man doch einiges so gestalten, wie es für die Menschen, den Beruf und die Zeit passt.
Natürlich kann eine Kammer viel sinnvolle Öffentlichkeitsarbeit leisten. Andererseits profitieren doch gerade wir Quereinsteiger von der Freiheit, die ein neues, sich entwickelndes, buntes Berufsfeld bietet. Zäune und Zwänge haben wir in Deutschland genug. Keiner hat uns vorgeschrieben, was wir wann wie lernen sollen, keiner zwingt uns zu teuren Zertifikaten. Dafür müssen wir die Qualität unserer Arbeit selbst beweisen und, da hast Du schon recht, potenzielle Kunden von ihrem Wert und ihrer Notwendigkeit überzeugen.
Wohlgemerkt, ich habe nichts gegen Interessenverbände. Ich möchte nur nicht, dass wieder ein Gebiet festgezurrt wird und eine Unmenge Regelungen in Stein gemeißelt werden. Jede Regelung muss verwaltet und monitoriert werden. Verwaltung bindet Arbeitskraft, kostet Geld, das die Mitglieder bezahlen. Irgendwann kommt unweigerlich der Zeitpunkt, wo der zusätzliche Aufwand den anfänglichen Nutzen überwiegt, nur fällt es oft nicht auf, weil die Kosten schön versteckt sind.
Es läuft ja immer gleich ab: Ein Berufsfeld entsteht, das es vorher noch nicht gab. Verschiedenste Leute mit allerlei “benachbarten” Fähigkeiten erweitern ihr Tätigkeitsfeld. Das neue Berufsfeld wächst. Immer mehr Leute können davon leben. Das zieht weitere Interessenten an. Unter die Pioniere und ehrlich Begeisterten mischen sich zunehmend mehr Profiteure. Darunter leidet die Qualität. Die “Eingesessenen” möchten ihren neuen Berufsstand gegen eine Verwässerung der Qualität und vor allem gegen zuviel Konkurrenz schützen. Verständlich. Kammern werden gegründet. So weit, so gut. Ausbildungsordnungen werden aufgesetzt. Sobald es Zertifikate gibt, wird zwingend erwartet, dass Neuzugänge ein solches vorweisen können. Aber wie sinnvoll ist das überhaupt (abgesehen davon, dass es die eigenen Claims schützt)?
Überwachung, um die handelt es sich letztlich, ist überall da sinnvoll, wo schlechte Qualität Menschen gefährden kann. Den unmittelbaren Käufer einer Dienstleistung wie unbeteiligte Dritte. Das gilt für Statiker, Architekten, Elektriker, Kfz-Mechaniker, medizinische Berufe und viele andere mehr. Für den Herrenschneider gilt es nicht, auch nicht für den Webdesigner und noch nicht mal den Programmierer, es sei denn, der entwickelt Herzschrittmacher o.Ä. ;-).
Honorarordnungen können auch ganz schön einengen. Es fängt schon damit an, dass man selbige studieren und kennen muss, um nach den richtigen Sätzen abzurechnen. Muss das sein? Dass damit unsere Vergütungen steigen würden, bezweifle ich. Oftmals werden darüber hinaus in Vergütungsordnungen Sätze verankert, die letztlich zu Verzerrungen führen können: Lukrativere Operationen werden häufiger durchgeführt als deren Alternativen, unabhängig von der Sinnhaftigkeit (wobei die Entscheidungswege subtiler sind als man gemeinhin unterstellt), Anwälte bevorzugen die gerichtliche Auseinandersetzung mit höherem Streitwert, weil da mehr abfällt als beim Alltagsfall usw. Im Effekt nicht sehr kundenfrreundlcih.
All die anderen Dienstleistungen, die Du nennst, ob es dafür die Kammern wirklich braucht? Oft kauft man mit seinem Zwangsbeitrag Dienstleistungen mit, die man auf dem freien Markt individueller und u.U. preiswerter bekommen könnte (der ärztliche Bereitschaftsdienst durch die KVen ist so ein Beispiel).
Summa summarum, ich bin ganz zufrieden, wenn’s bleibt, wie’s ist, auch gerne mit “freier” Interessenvertretung. Aber keine Kammer! Vorbehaltlich dessen, dass Du mich doch noch überzeugst …
Übrigens: Webdesigner gehören zu den den Freiberuflern gleichgestellten Berufen, wenn sie denn wollen und nicht aus bestimmten Gründen ein Gewerbe anmelden.